Stundentafel

An den Senator für
Bildung, Jugend und Sport
Herrn Klaus Böger
Beuthstraße 6 - 8
10117 Berlin

Veränderte Stundentafel 06. Juni 2005

Sehr geehrter Herr Senator,

im Rahmen der Flexibilisierung der Stundentafel in der Sekundarstufe I haben die entsprechenden Gremien der Schulen die Möglichkeit, Schwerpunkte und Profilierungen für einzelne Fächer zu beschließen, indem ein aus allen Fächern entnommener Stundenpool nach bestimmten Maßgaben und Anforderungen, die an jedes Fach gestellt werden, aufgeteilt werden können.

Das genannte Verfahren, im Prinzip scheinbar logisch und vernünftig, indem die Fächer durch Abgabe einer Stunde quasi gleich behandelt werden, erweist sich allerdings bei genauer Durchleuchtung als fragwürdig hinsichtlich der komplexen Fragestellungen, welche sich in bildungspolitischen Prozessen darstellen. Es bedarf deshalb der kritischen Prüfung und Korrektur. 

  1. Grundlegende Bildungs- und Erziehungsziele von Schule definieren sich über den Anspruch, gleichermaßen allen Jugendlichen zumindest die Chance zur ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung einzuräumen. 
  1. Diese definieren sich auch über die Fächervielfalt und über den Minimalkonsens der Akzeptanz eines jeden Schulfaches in diesem Kanon als unverzichtbar, deutlich kenntlich, angemessen und mit eigenem Anspruch vertreten zu sein. 
  1. Notwendige schulpolitische Weichenstellungen und Reformen der letzten Jahre gründen sich auf Untersuchungen und Ergebnisse der PISA- Studie, veränderte demographische Sachverhalte und weitere gesellschaftspolitische und nicht zuletzt finanzpolitische Aspekte, auf die – obwohl auf der Hand liegend - hier nicht weiter eingegangen werden soll.  
  1. Hinzu kommen Besonderheiten der Berliner Situation durch die sich regional sehr unterschiedlich darstellenden schulischen Bedingungen und Wirklichkeiten. 

zu 1.

Die in der Stundentafel ausgewiesenen Möglichkeiten der Ober- und Untergrenzen für fast jedes Schulfach werden in der Verteilung des geringer bemessenen Stundenpools bei den kleineren Fächern wie Musik, da sie auch eine kleinere Lobby haben, mit Sicherheit zu Einsparungen führen. Dies ist dem Anspruch der ganzheitlichen Persönlichkeitsförderung von Jugendlichen unterschiedlicher sozialer Prägung und Herkunft abträglich. Wir haben den Eindruck, dass dadurch erneut Bildungsprivilegien schulrechtlich sanktioniert werden, indem die Vermittlung
elementarer musikalischer Grundlagen in der Schule durch Stundenkürzungen verhindert werden
kann bzw. außerschulisch durch bildungsbewusste Eltern gesondert zu finanzieren ist.
Der Möglichkeit zur durchgängigen Einstündigkeit eines Faches, insbesondere wenn
es unverzichtbar in den Wertekanon von Schule gehört, ist keine sinnfällige Begründung abzugewinnen, im Gegenteil beweisen jüngste historische Erfahrungen und einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen, welche besondere Bedeutung und Funktion gerade dem Schulfach Musik in der Schule beizumessen ist. Im Übrigen kann durch dieses Verfahren fast jedes Fach betroffen sein. Dringender Widerspruch hat hier nichts mit Bestandssicherung zu tun, denn Bestände wurden schon mit gravierenden Auswirkunken abgebaut: Perspektivisch ergibt sich für Musik in der SEK I eine glatte Halbierung der Stunden seit 1993 , indem die damaligen acht Stunden jetzt auf vier verkürzt werden können. Unsere Sorge hat mit der Überzeugung zu tun, dass gerade im Hinblick auf Prozesse der „Globalisierung“ der ästhetischen und kulturellen Bedeutung von Schule fürsorglich und verantwortlich Beachtung zu schenken ist, sonst droht in der Tat wertkultureller Ausverkauf und langfristig kaum zu behebender Schaden. Wir halten auch dagegen aus Sorge um den pädagogischen Frieden, den eine Schule braucht, um zu funktionieren. Jede Art von Verteilungsstreit gefährdet hier unsere pädagogischen Alltagsaufgaben, welche schon jetzt in der Summe aller Anforderungen und Veränderungen kaum noch gründlich zu erfüllen sind.

zu 2.

 Möglichkeiten zur Einstündigkeit eines Faches über die Jahre hinweg nivellieren jeden ausgewiesenen Anspruch eines Faches nach allen Richtungen der Betrachtung. Für die in einstündigen Fächern unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen ist der Komplex von Leistungen und Anforderungen nicht solide zu erbringen. Auf Kompetenzen und Standards der neuen Rahmenlehrpläne zu reklamieren verfällt nachgerade der Makulatur. 

zu 3.

 Die Relevanz der PISA - Studie wurde bisher nicht für alle Fächer befragt, es gibt auch andere Studien und gesellschaftliche Werthaltungen, die unserer Einschätzung nach derzeit zu wenig Berücksichtigung finden, gerade vor dem Hintergrund der auf vielen Ebenen geführten gesellschaftlichen Wertedebatte. 

zu 4.

Die Bildung hat in den einzelnen Berliner Bezirken höchst unterschiedliche demographische und soziale Rahmenbedingungen: Schulen wurden zuhauf geschlossen, Traditionsbildungen abgebrochen, Migrationsprobleme wurden hinlänglich öffentlich erörtert. Bildungsarbeit erfordert jedoch verlässliche und berechenbare Koordinaten in der Stundentafel, sonst steht Systematik außer Frage, Vergleichbarkeit von Bildung und Kompatibilität der Schulen untereinander desgleichen. Entscheidungen über Bestand und Repräsentanz eines Schulfaches dürfen gerade nicht nach den Kriterien von Angebot und Nachfrage in regionaler „Willkür“ oder nach dem Recht des „Stärkeren“ getroffen werden oder gar im Hinblick darauf, ob das tendenzielle Mangelfach Musik überhaupt mit Fachlehrern abgedeckt werden kann.

Aus den genannten Gründen fordern wir die Anhebung der Absenkungsgrenze bzw. die Rücknahme der Stundenkürzung, damit der seit 1993 eingetretene Schaden nicht noch vergrößert wird.

Bedenken Sie außerdem: Musik gehört seit dem Mittealter zum unverzichtbaren Kernbestand europäischer Bildung – Sie sind dabei diese Tradition aufzulösen!

Mit freundlichen Grüßen

 

Dr. Hubert Kolland [nachrichtlich auch an die Fachöffentlichkeit]

Verband Deutscher Schulmusiker e. V. Landesvorsitzender
Dr. Hubert Kolland

Windscheidstraße 2
D – 10627 Berlin

fon: +49 (0) 30 . 313 63 56
fax: +49 (0) 30 . 315 04 225
mail: hubkoll@aol.com
net: www.vds-musik-berlin.de

 

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